Rezension

Zeit für Stille (In Pursuit of Silence, Patrick Chen, 2016)

Sibylle Roth

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„Zeit für Stille“, im Original „In Pursuit of Silence“, ist ein Film über das schönste und wichtigste Geräusch, das wir zu hören in der Lage sind – die Stille. Zwei Jahre lang arbeitete Patrick Chen an seinem Dokumentarfilm, der 2015 in die internationalen und 2017 in die deutschen Kinos kam. Das Ergebnis sind 81 Minuten voller beeindruckender und wunderschöner Szenen aus Belgien, China, Deutschland, England, Japan, Taiwan und den USA, die uns einen Einblick geben, welche Auswirkungen Geräusche und ihr Gegenteil (so die Aussage des Films), also Stille, auf uns haben und welche Möglichkeiten es geben könnte, Momente der Stille im Alltag zu integrieren.

Der Beginn des Films ist voller Kontraste und zeigt so deutlich seine Kernbotschaft: Wir brauchen die Stille in unserem geräuschvollen Alltagsleben. Zu sehen und hören sind ein Baum im Kornfelder, eine verlassene Tankstelle bei Nacht, das Rauschen des Windes, Autos, die den Highway entlang rauschen, jemanden der meditiert, ein Gong. Der Film bietet eine beeindruckende und bildgewaltige Reise über den gesamten Erdball: Von einer traditionellen Teezeremonie in Kyoto zu den Straßen von Mumbai, der lautesten Stadt der Welt; von John Cages Stille-Komposition 4’33 zu Schulunterricht unter der Hochbahn von New York City. Die Reise endet im schalltoten Raum des Ortfield Labors in Minneapolis, dem geräuschfreisten Raum der Erde. Es sind keine schnellen Bildwechsel, keine dynamische Kameraführung zu bemerken, vielmehr scheint der Film einem anderen Rhythmus zu folgen und dazu einzuladen, innezuhalten.

Der Film beschreibt einleitend die Bedeutung des Wortes Stille und die Tatsache, dass die Abwesenheit von Geräuschen in der wissenschaftlichen Literatur nicht weiter von Interesse zu sein scheint. Spätestens nach 15 Minuten ist klar, dass es keinen expliziten Handlungsstrang in diesem Film gibt. Es gibt keine Geschichte, die nachgezeichnet wird, sondern vielmehr wechseln sich unterschiedliche Sequenzen ab, die symbolisch für das Gegensatzpaar Stille-Lärm stehen. In diesen Sequenzen kommen WissenschaftlerInnen, Praktiker, AussteigerInnen, Buddhisten und Mönche zu Wort. Sie stellen ihre Forschungsergebnisse, Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Einstellungen in kurzen Interviewausschnitten vor. Große Aufmerksamkeit wird auch einem Mann namens Greg Hindy gewidmet, der ein Gelübde abgelegt hat, ein Jahr schweigend durch Amerika zu laufen und nur schriftlich mit anderen Menschen zu kommunizieren.

Wer eine Antwort auf die Frage erwartet, was genau das Phänomen Stille ausmacht und was es für den Menschen bedeutet, oder wie man sie in den Alltag integrieren könnte, wird enttäuscht. Der Film hat nicht die Absicht, eine solche Antwort zu liefern. Vielmehr zielt er darauf ab, seinem Publikum tiefe Einblicke in Klang- und Bildwelten zu eröffnen, die deutlich machen sollen, wie wichtig Stille als Gegenpol zur Alltagswelt der meisten Menschen ist.

Ein Manko des Films ist dessen starke Polarisierung. Der lärmende, laute Westen steht dem ruhigen, leisen Osten der Welt gegenüber. Die geräuschvolle Hektik der Stadt wird zur Antagonistin der stillen Naturlandschaft. Eine wenig originelle Gegenüberstellung also. Auch sonst liefert der Film wenig neue Erkenntnisse: Dass permanenter Lärm Stress bedeutet und krank macht, ist allgemein bekannt.

Der Film nimmt das Publikum mit auf eine Reise aus dem Alltag und vermag vielleicht den einen oder anderen zu Fragen darüber, wie wir leben und wie wir die Welt gestalten, zu inspirieren. Atemberaubende Bilder und Impressionen und der meditative Charakter in der Darstellung hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. Der Film macht aufmerksam(er) auf die Stille und eröffnet einen Raum, um über das Thema nachzudenken und zu reflektieren und damit dem „Streben nach Stille“ am Ende vielleicht doch etwas näher zu kommen.

http://zeit-fuer-stille.de | http://www.pursuitofsilence.com/

Regie und Schnitt: Patrick Shen
Design: Patrick Shen und Brandon Vedder
Musik: Alex Lu
Produziert von: Patrick Shen, Andrew Brumme, Brandon Vedder
Co-Produzentin: Cassidy Hall

Empfohlene Zitierweise:


Sibylle Roth: Zeit für Stille (In Pursuit of Silence, Patrick Chen, 2013)
In: Muße. Ein Magazin, 4. Jhg. 2019, Heft 1, S. 26-27.
DOI: 10.6094/musse-magazin/4.2019.26
URL: http://mussemagazin.de/2019/04/zeit-fu%CC%88r-stille-in-pursuit-of-silence-patrick-chen-2016/
Datum des Zugriffs: 23.08.2019

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