Mußeorte

Café und Schloss Cobenzl Wien. Luftschlösser bauen mit Blick über die Stadt

Magdalena Augustin

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Die Hausberge Wiens sind seit jeher ein beliebter Ausflugsort für die BewohnerInnen der zweitgrößten Stadt im deutschsprachigen Raum. Vor allem am Wochenende pilgern viele StädterInnen in den hügeligen Wienerwald um zu wandern, den Ausblick zu genießen und frische Luft zu schnappen. Seit Juni 2017 gibt es nun eine Reihe weiterer Anreize um einen dieser Hausberge zu besuchen. Der Reisenberg, umgangssprachlich Cobenzl genannt, wurde durch ein Zwischennutzungsprojekt bereichert, das über vielfältige Aktivitäten junges Publikum anlockt und den Mauern des „Café und Schloss Cobenzl“ neues Leben einhaucht.

Die dabei zur Verfügung stehende Fläche bietet ausgiebig Raum für die Entstehung von Ideen und auch deren Umsetzung. Genau deshalb ist auch der Name der gemeinschaftlich organisierten Nutzung so passend: Projekt Luftschloss Wien. Der großzügige Garten und die vielen Terrassen, das historisierende Hauptgebäude, der gemütliche Café-Pavillon und schließlich die unzähligen Lager- und Arbeitsräumlichkeiten laden dazu ein, sich kreativ zu betätigen oder abzuschalten, fernab der Hektik des Stadtzentrums. Allerdings vollziehen sich jene mußevollen Momente am Cobenzl nicht nur in Ruhe und Stille, sondern manchmal auch im genauen Gegenteil, nämlich nachts bei lauter Musik, im Getümmel von hunderten Menschen. Im Zuge der Zwischennutzung hat sich das neobarocke Gebäude zu einer besonderen Eventlocation für Veranstaltungen aller Art etabliert. Wo zuvor hauptsächlich Hochzeiten stattgefunden oder SpaziergängerInnen ihre Pausen verbracht haben, warden heute zusätzlich ausgiebige Partys gefeiert, bei denen die BesucherInnen zu elektronischer Musik tanzend für ein paar Stunden die Zeit vergessen können. Als würde man die Alltagssorgen unten in der Stadt zurückgelassen haben und sich erst mal eine Portion hedonistischer Dekadenz gönnen. Was am Anfang noch schwer vorstellbar war, nämlich das Wiener Partyvolk außerhalb der städtischen Kernzone auf Events zu locken, ist mittlerweile an vielen Wochenenden selbstverständlich. Denn so beschwerlich und langwierig der Weg zum Schloss auch zu sein scheint, spätestens beim Anblick des Panoramas sind alle Mühen vergessen und man wird vom ruralen Charme des Ortes verzaubert.

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Die Geschichte des Areals geht bis ins 16. Jahrhundert zurück, bedeutend für die heutige Nutzung ist jedoch vor allem die Phase des Besitzers Graf Johann Philipp Cobenzl im späten 18. Jahrhundert. Er ließ ein großes Schloss errichten und machte den Ort für die Öffentlichkeit zugänglich. Zu dieser Zeit hat sich auch die Bezeichnung „Am Cobenzl“ bei der Wiener Bevölkerung durchgesetzt, die bis heute gültig ist. Das vom Grafen erbaute Schloss hat seitdem verschiedensten Zwecken gedient und wurde mehrmals umgebaut, bis es Anfang des 20.Jahrhunderts in den Besitz der Stadt Wien gelangte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel das Gebäude jedoch immer mehr und wurde schließlich 1966 abgetragen. Der darauffolgende Pächter belebte das Gelände wieder und erbaute in den 1980ern das bis heute bestehende Schlösschen im barocken Stil, inklusive Stuck, Statuen und Lustern.2

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Im Jahr 2017 war es dann Zeit für Neues und die Stadt Wien hat das Gelände wieder für sich beansprucht. Bis endgültig entschieden wird wie die Zukunft des Cobenzls genau aussehen soll, wurde die Arbeitsgruppe Luftschloss für die Zwischennutzung ausgewählt. Und obwohl Wien viele historische bzw. historisierende Bauten beherbergt, kommt es selten vor, dass eine Gruppe kulturschaffender JungunternehmerInnen  sich in einem Schloss mit besonderer Lage austoben kann. Relativ schnell füllten die neuen PächterInnen das Areal mit ihren Bekannten, sei es um gemeinsam zu picknicken, Lesungen zu lauschen, Ausstellungen zu besuchen oder Partys zu feiern. Nicht umsonst nennt sich einer der derzeitigen Pächtervereine „Rundum – Werkstatt für Entschleunigung des urbanen Raums“. Doch auch die üblichen SpaziergängerInnen kommen nicht zu kurz und genießen immer noch ihre Pausen in dem ebenfalls vom Projekt Luftschloss betriebenen Café-Pavillon, der mit seiner Glasfront die Sicht über die Stadt freigibt. So entstand jene neuartige Mischung an BesucherInnen, die alle gleichsam in den Genuss der Atmosphäre des Cobenzls kommen. Von jungen Freigeistern, die diesen Teil der Stadt womöglich noch nie zuvor besucht haben, bis hin zu Familien und SeniorInnen auf der Suche nach Erholung in der Natur.

4Das Luftschloss-Team hat durch seine Tätigkeit vielen Menschen einen Rückzugsort ermöglicht, der durch seine großzügigen Räume und die nostalgische Ästhetik eine Besonderheit darstellt. Neben dem Gastronomiebetrieb und den kurzzeitigen Nutzungsmöglichkeiten für KulturveranstalterInnen aller Genres, werden viele Räume permanent von den Mitgliedern des Projekts genutzt. Eine Gemeinschaftswerkstatt, ein Tonstudio, Ateliers, Produktionsstätten für Installationen oder Performances und vieles mehr ist mittlerweile in den Nebengebäuden untergebracht. Für alle gibt es genügend Platz, die Atmosphäre ist entspannt und weit weg vom Stressfaktor Stadt kann der kreative Prozess in Ruhe seinen Lauf nehmen. Im Prinzip herrscht das Motto „Alle wie sie wollen und wann sie wollen“, denn gearbeitet oder gechillt werden kann jederzeit, je nach bevorzugtem Rhythmus. Und außerdem sind die Kosten für die Werkräume leistbar, ein wichtiges Kriterium um die möglichst breite Teilnahme am Projekt zu ermöglichen.

5Trotz der idyllischen Umgebung sind der mußevollen Hingabe am Cobenzl auch Grenzen gesetzt. Der finanzielle Druck ist trotz Erfolg gegeben, viele Auflagen sind schwer zu erfüllen und die marode Infrastruktur verlangt spontane Lösungen. Schlussendlich fließen viele ehrenamtliche Arbeitsstunden in das Schlossareal. Durch die Vermischung von Arbeit, Hobby und Freundschaft bleibt die Motivation jedoch erhalten und auch die positiven Reaktionen der BesucherInnen  am  Cobenzl spenden Energie zum Weitermachen. Die BewohnerInnen Wiens haben das Angebot jenes besonderen Ortes jedenfalls dankend angenommen und nehmen gerne die Fahrt an den Stadtrand in Kauf ummindestens ein paar Stunden „raus zu sein“. Bis Oktober 2018 bestand der Cobenzl in dieser Form und es bleibt zu hoffen, dass der Zugang zu jenem charmanten Freiraum auch weiterhin für möglichst viele Leute offen bleibt.

 

Titelbild 

© David Payr

Empfohlene Zitierweise:


Magdalena Augustin: Café und Schloss Cobenzl Wien. Luftschlösser bauen mit Blick über die Stadt
In: Muße. Ein Magazin, 4. Jhg. 2019, Heft 1, S. 28-29.
DOI: 10.6094/musse-magazin/4.2019.28
URL: http://mussemagazin.de/2019/04/cafe-und-schloss-cobenzl-wien-luftschloesser-bauen-mit-blick-ueber-die-stadt/
Datum des Zugriffs: 15.12.2019

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